Fachgesellschaften kritisieren Zwischenbericht der Regierung zur Legalisierung

Aktualisiert am
Veröffentlicht am
4.5.2026
Von
Philip Pranoto
Lesezeit:
2
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Der erste Zwischenbericht zur Cannabis-Legalisierung in Deutschland hat kaum negative Auswirkungen festgestellt – und genau das stört nun mehrere medizinische Fachgesellschaften. In einer gemeinsamen Stellungnahme üben sie Kritik an den Schlussfolgerungen des Berichts und fordern einen gemäßigteren Blick auf die Datenlage.
Ordner zu EKOCAN-Bericht mit Verbotszeichen

Was der EKOCAN-Bericht festgestellt hat

Teil der Cannabis-Legalisierung in Deutschland war von Anfang an, dass die Auswirkungen der Maßnahme wissenschaftlich begleitet werden. Das Konsumcannabisgesetz sah dafür vor, dass ein erster Zwischenbericht nach 18 Monaten veröffentlicht und der Regierung vorgelegt wird. Dieser erschien pünktlich Anfang Oktober 2025 unter dem Namen EKOCAN-Bericht und wir haben damals ausführlich darüber berichtet.

Das zentrale Ergebnis: Die Legalisierung hat kaum negative Folgen mit sich gebracht. Der Cannabiskonsum in Deutschland ist entgegen mancher Befürchtungen nicht bedeutend angestiegen. Laut den Forschenden gibt es zwar einen leichten Anstieg in der Zahl der Konsumierenden, allerdings hält dieser Trend bereits seit vor der Legalisierung an.

Drei Fachgesellschaften mit gemeinsamer Kritik

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) sowie die Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) haben sich nun in einer gemeinsamen Stellungnahme zu Wort gemeldet. Ihr Vorwurf: Der EKOCAN-Bericht zeichne ein zu positives Bild.

Prof. Dr. Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Präsidentin der DGPPN, bemängelt vor allem einen methodischen Schwachpunkt. Die dem Bericht zugrunde liegenden Befragungen liegen zeitlich zu eng am Inkrafttreten des Gesetzes, um aussagekräftige Schlüsse ziehen zu können. Internationale Forschungen würden zeigen, dass die tatsächlichen Effekte einer Legalisierung frühestens nach fünf Jahren sichtbar werden – realistisch betrachtet sogar erst nach zehn Jahren.

Prof. Dr. Eva Hoch und Prof. Dr. Thomas Hillemacher, Co-Präsidenten der DG-Sucht, richten ihren Fokus dagegen auf die gesundheitlichen Folgen des Konsums. Konkret geht es ihnen um langfristige Auswirkungen wie Abhängigkeitserkrankungen oder psychotische Störungen, die sich in einem so frühen Beobachtungszeitraum naturgemäß noch kaum abzeichnen können.

Sorge um Jugendliche und fehlende Aufklärung

Besonders ins Auge sticht die Kritik von Prof. Dr. Michael Kölch, Präsident der DGKJP. Er weist darauf hin, dass zwar die Gesamtzahl der Konsumierenden kaum gestiegen sei, dafür aber die Anzahl der schädlichen Konsummuster – und das vor allem unter Jugendlichen. Gleichzeitig fehle es an ausreichenden Angeboten zur Aufklärung über die negativen Folgen des Konsums. Die Entkriminalisierung durch die Legalisierung habe zudem einen konkreten Zugangsweg zur Prävention wegfallen lassen: die Polizei, die früher im Rahmen ihrer Arbeit auf entsprechende Aufklärungsangebote verweisen konnte.

Kritik, die der Bericht selbst bereits kennt

Was bei der ganzen Debatte nicht unerwähnt bleiben sollte: Die angeführten Kritikpunkte sind nicht neu. Sowohl im EKOCAN-Bericht selbst als auch in der begleitenden Pressemitteilung aus Ende September 2025 wurden diese Einschränkungen bereits offen benannt. In einer zweiten Pressemitteilung zum Zwischenbericht aus April 2026 sind die Forschenden sogar noch detaillierter auf die Grenzen des bisherigen Beobachtungszeitraums eingegangen.

→ Hier findet ihr nochmal beide Pressemitteilungen zum EKOCAN-Bericht

Die Fachgesellschaften sagen damit im Kern das, was die Forschenden selbst bereits gesagt haben. Es liegt nahe, dass es ihnen weniger um eine inhaltliche Korrektur geht, als darum, den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Denn in der Berichterstattung zum EKOCAN-Bericht dominierten vor allem die positiven Schlagzeilen – allen voran die Meldung, dass der Konsum nicht angestiegen sei. Dieser Eindruck, dass mit der Legalisierung alles glatt läuft, soll durch die Stellungnahme offenbar korrigiert werden. Das ist grundsätzlich legitim, zumal der Fokus auf Schwachstellen wie der Prävention unter Jugendlichen wichtig und richtig ist, weshalb das Angebot weiter ausgebaut werden muss.